Es liegt direkt an der Grenze. Manchmal eingefroren, immer geheimnisvoll.

Der Himmelssee – von den Chinesen Tianchi genannt – ist das tiefste Gewässer Chinas. Eine im März dieses Jahres veröffentlichte Studie bestätigte, was wir bereits vermutet hatten, worüber wir uns aber sicher sein wollten. Es reicht bis in eine Tiefe von 1.224 Fuß. Das ist fast ein Drittel eines Kilometers vertikaler Dunkelheit.

Aber das Wasser ist nur der interessante Teil. Der Fels darunter macht es gefährlich. Was macht es möglich?

Auf Explosionen aufgebaut

Das ist nicht irgendein Berg. Der Berg Changbaishan ist ein kolossaler Dachvulkan. Es entstand über 2,6 Millionen Jahre lang durch wiederholte Ausbrüche. Der See selbst liegt in einer Caldera. Ein riesiger Krater. Das große Ereignis ereignete sich im Jahr 946 n. Chr. Sie nennen es den „Millenniumsausbruch“.

Diese Explosion war gewaltig. Einer der größten in der aufgezeichneten Geschichte.

Aber es begann sich schon früher Wasser anzusammeln. Schon lange früher. Nach dem Tianwenfeng -Ausbruch vor etwa 70.000 Jahren hatten Regen und Schnee ein Ziel. Sie stürzten auf den Gipfel. Jetzt leert sich der See und füllt sich ständig wieder. Geothermische Quellen drücken Wasser von unten nach oben. Schneeschmelze drückt es von oben hinein. Es ist ein System im Wandel.

Das Pferdekopfmonster

Die Leute lieben es, über Wasser zu lügen. Oder vielleicht lieben sie es, sich etwas vorzustellen.

In den frühen 200er Jahren kursierten Berichte. Wilde Geschichten einer Kreatur im Heaven Lake. Es hatte angeblich den Kopf eines Pferdes. Hunderte Augenzeugenberichte. Touristen hätten geschworen, es gesehen zu haben.

Den Wissenschaftlern ist das egal.

Die Skepsis bleibt groß. Der See ist zu tief. Zu kalt. Zu nährstoffarm, um große Raubtiere zu ernähren.

Das Rätsel bleibt jedoch bestehen. Die Menschen brauchen etwas, wovor sie sich in der tiefen Dunkelheit fürchten müssen.

Ein Open-Air-Klassenzimmer

Geologen schauen sich den Berg Changbaishan an und sehen eine Bibliothek.

Es handelt sich um einen der besterhaltenen Stratovulkane überhaupt. Stratovulkan bedeutet „zusammengesetzt“. Lavaschichten. Ascheschichten. Schichten aus felsigem Schutt. Gestapelt wie Sediment in einem Glas gerührtem Schlamm. An den Wänden können Sie die verschiedenen Stadien der Eruptionen ablesen. Die UNESCO nannte es ein „Klassenzimmer unter freiem Himmel“.

Auch der Name ist wichtig. In Nordkorea nennt man es Paektu. Bedeutet „weiß gekrönt“. Der chinesische Name deutet auf einen Berg hin, der für immer weiß bedeckt ist. Gleiche Ansicht, andere Sprache.

Eine in Vertragslinien gezogene Grenze

Der Berg trennt Länder.

China, Nordkorea und Südkorea streiten sich alle um die Symbolik. Die physische Geographie ändert sich nicht, die politischen Karten jedoch schon. Verträge von 1962 und 1964 teilten den See in zwei Teile.

Nicht gleichmäßig.

Nordkorea erhält 54,5 Prozent des Wassers. China bekommt den Rest. Man teilt nicht nur einen See; Sie teilen den Druck, der darunter liegt.

Auf chinesischer Seite beschleunigt sich die Entwicklung. Ein neuer Flughafen. Dem Prestige folgt eine Eisenbahn, die die östlichen Berge mit der restlichen Infrastruktur des Landes verbindet. Im Jahr 2024 wurde der chinesische Standort zum UNESCO Global Geopark. Anerkennung ist wichtig für den Tourismus. Es bringt die Massen.

Wem gehört ein Vulkan? Wem gehört der Himmel darüber?

Der See ist im Moment ruhig. Die Lüftungsschlitze sind geräuschlos. Bis sie es nicht mehr sind.