Wissenschaftler haben zum ersten Mal die Geburt eines Pottwals (Physeter Macrocephalus ) umfassend dokumentiert und dabei ein außergewöhnliches Maß an kooperativem Verhalten offenbart, das über die Verwandtschaft hinausgeht. Das im Jahr 2023 vor der Küste Dominicas aufgezeichnete Ereignis zeigt, dass diese Meeressäugetiere bei der Geburt auf kollektive Hilfe angewiesen sind, ein Verhalten, das zuvor beobachtet, aber noch nie so klar erfasst wurde.
Die Geburt selbst: Eine kollektive Anstrengung
Das Filmmaterial, das am 26. März in Science veröffentlicht wurde, zeigt einen weiblichen Pottwal, umgeben von etwa zehn anderen Individuen – hauptsächlich Weibchen, aber nicht ausschließlich nahe Verwandte –, die aktiv beim Entbindungsprozess helfen. Pottwale gebären in tiefem Wasser und neugeborene Kälber haben von Natur aus einen negativen Auftrieb, was bedeutet, dass sie sinken, wenn sie nicht gestützt werden. Die helfenden Wale hoben das Neugeborene wiederholt an die Oberfläche, um Luft zu holen, bis es die Kraft hatte, selbstständig zu schwimmen.
Dieses Verhalten gibt es nicht nur bei Pottwalen. Eine ähnliche Unterstützung wurde bei Killerwalen, Belugas und anderen Walen beobachtet, was auf einen gemeinsamen evolutionären Ursprung dieser kooperativen Fürsorge schließen lässt.
Jenseits der Verwandtschaft: Warum Zusammenarbeit wichtig ist
Das Besondere an dieser Geburt ist, dass der Hilfsgruppe Wale aus zwei unterschiedlichen sozialen Linien angehörten, die bei der Nahrungssuche selten miteinander interagieren. Die Analyse des 34-minütigen Geburtsvorgangs, der mit Flugdrohnen und detaillierter Kenntnis der einzelnen Wale verfolgt wurde, ergab, dass sich beide Gruppen vollständig vermischten und alle Teilnehmer irgendwann dazu beitrugen, das Kalb zu stützen. Zu den vier Walen, die den beständigsten Kontakt herstellten, gehörten die Mutter, eine Tante, ein älterer Verwandter und eine nicht verwandte Person.
Dieses Verhalten stellt vereinfachte Ansichten über die sozialen Strukturen von Tieren in Frage. Es zeigt, dass Pottwale auch ohne direkte familiäre Bindungen kooperative Instinkte zeigen – eine evolutionär vorteilhafte Eigenschaft für eine Art, die vor großen Herausforderungen bei der Fortpflanzung steht.
Stimmliche Kommunikation während der Wehen
Die Forscher analysierten auch Audioaufzeichnungen der Veranstaltung, die in Scientific Reports veröffentlicht wurden. Die Lautäußerungen der Wale, sogenannte Codas, veränderten sich in kritischen Momenten der Geburt. Eine Coda war während der Wehen häufiger zu hören, während eine größere Variabilität der Stimmstile festgestellt wurde, wenn sich Grindwale – gelegentliche Gegenspieler von Pottwalen – der Gruppe näherten. Dies deutet darauf hin, dass stimmliche Kommunikation eine Rolle bei der Koordinierung von Hilfeleistungen und möglicherweise bei der Abwehr von Bedrohungen spielt.
Meeresbiologen sind sich einig, dass solche kontextspezifischen Lautäußerungen typisch für Meeressäugetiere sind. Allianzen unter Delfinen beispielsweise verändern sich dynamisch, um Raubtiere abzuwehren oder die Paarung zu erleichtern.
Zufall und der Wert langfristiger Forschung
Das Team unter der Leitung von David Gruber vom Projekt CETI stieß auf die Geburt, als es umfassendere Untersuchungen zur Kommunikation von Pottwalen durchführte. Die zufällige Begegnung unterstreicht die Bedeutung von Langzeitstudien und den Wert der Vorbereitung auf die Erfassung seltener Ereignisse. Die Wale trugen das Neugeborene sogar direkt am Boot der Forscher vorbei und schienen sie in das Ereignis einzubeziehen.
„Es war für uns alle eine sehr tiefgreifende Erfahrung.“ — David Gruber, Projekt CETI
Die dokumentierte Geburt stellt einen einzigartigen wissenschaftlichen Durchbruch dar, der nicht nur durch fortschrittliche Technologie, sondern auch durch ein tiefes Verständnis der individuellen Beziehungen und Verhaltensweisen der Wale ermöglicht wurde. Die Ergebnisse unterstreichen die Kraft der Zusammenarbeit in einem herausfordernden Umfeld und bieten weitere Einblicke in das komplexe soziale Leben dieser intelligenten Meeressäugetiere.














